Wie wird aus technologischer Innovation konkreter Business-Nutzen?
AI verändert nicht nur die Möglichkeiten der IT, sondern auch die Art, wie Unternehmen arbeiten, wachsen und ihre Prozesse gestalten. Doch zwischen ersten AI-Experimenten und dem produktiven Einsatz im gesamten Unternehmen liegen zahlreiche Herausforderungen. Gerade für international wachsende Unternehmen stellt sich die Frage, wie sich neue Technologien sinnvoll integrieren und skalieren lassen.
In der siebten Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» spricht Balz Zürrer mit Sven Maushake, CIO von Belimo, über die Auswirkungen des AI-Booms auf das Schweizer Technologieunternehmen, die Industrialisierung von AI und den Wandel der IT vom Serviceprovider zum Business Enabler. Dabei geht es auch um intelligente Agenten, Datenqualität, skalierbare Geschäftsprozesse und die Frage, wie Führungskräfte mit dem rasanten technologischen Wandel umgehen sollten.
Zwischen Business und Technologie
Sven Maushake beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Computern und deren Anwendungsmöglichkeiten. Das Programmieren brachte er sich selbst bei. Für sein Studium entschied er sich allerdings nicht für einen rein technischen Weg, sondern für Wirtschaft an der Universität St. Gallen.
Diese Kombination prägt seine berufliche Laufbahn bis heute. Nach verschiedenen internationalen Führungspositionen, unter anderem bei DKSH und als Group CIO der ORIOR AG, ist er seit 2020 als CIO bei Belimo tätig.
Seine Faszination gilt dabei weniger der Technologie als Selbstzweck. Vielmehr interessiert ihn, welche konkreten Möglichkeiten sich daraus für Unternehmen ergeben und wie sich diese wirtschaftlich sinnvoll nutzen lassen.
Mit generativer AI hat diese Faszination eine neue Dimension erreicht. Ein Schlüsselmoment war für ihn ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, bei dem sich am Ende herausstellte, dass ein erheblicher Teil des Textes durch AI erstellt worden war.
Damals wurde ihm bewusst, welche grundlegenden Veränderungen diese Technologie auslösen könnte. Heute ist für ihn klar, dass AI eine neue technologische Fähigkeit darstellt, deren langfristige Auswirkungen noch kaum abschätzbar sind.
Belimo: Ein Schweizer Hidden Champion im AI-Boom
Belimo entwickelt und produziert Antriebe, Ventile und Sensoren für die Regelung von Heizungs-, Lüftungs- und Klimasystemen. Das international erfolgreiche Schweizer Unternehmen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen.
Ein zusätzlicher Wachstumstreiber ist der weltweite Ausbau von Rechenzentren. Denn leistungsfähige AI-Systeme benötigen enorme Rechenkapazitäten und entsprechende Kühlinfrastrukturen. Genau hier kommen auch Produkte von Belimo zum Einsatz, beispielsweise bei der Regulierung von Kühlkreisläufen.
Damit profitiert Belimo auf zwei Ebenen von AI: als Technologieanwender innerhalb des eigenen Unternehmens und als Zulieferer für die Infrastruktur, auf der AI-Anwendungen betrieben werden.
Dieses Wachstum bringt allerdings neue Herausforderungen mit sich.
Während Produkte für traditionelle Gebäudetechnik oft über Jahrzehnte zuverlässig funktionieren, verändern sich die Anforderungen im Rechenzentrumsmarkt deutlich schneller. Internationale Technologieunternehmen und Hyperscaler denken bei Innovationen teilweise in Wochen statt in Jahren.
Für Belimo bedeutet das, Produkte, Entwicklungsprozesse und Lieferfähigkeit an ein deutlich höheres Tempo anzupassen.
Vom IT-Serviceprovider zum Business Enabler
Mit dem Wachstum verändert sich auch die Rolle der IT bei Belimo.
Das Unternehmen hat sich aus einer stark mittelständisch geprägten Organisation zu einem global tätigen Technologieunternehmen entwickelt. Die bestehende Kultur und Kundennähe bleiben wichtige Erfolgsfaktoren. Gleichzeitig braucht es neue Strukturen, standardisierte Prozesse und Systeme, die mit dem steigenden Geschäftsvolumen Schritt halten können.
Für Sven Maushake steht deshalb die Weiterentwicklung der Corporate IT im Mittelpunkt.

Die IT soll nicht länger hauptsächlich als interner Dienstleister wahrgenommen werden, der Infrastruktur und Anwendungen bereitstellt. Vielmehr muss sie aktiv dazu beitragen, Geschäftsprozesse zu verbessern und das Unternehmenswachstum zu ermöglichen.
Dabei bleibt die Verantwortung für die Prozesse bewusst in den Fachbereichen. Die IT bringt das technologische Know-how ein, unterstützt bei der Identifikation von Verbesserungspotenzialen und entwickelt gemeinsam mit dem Business geeignete Lösungen.
Dieser Wandel vom Serviceprovider zum Business Enabler wird durch AI zusätzlich beschleunigt. Denn die Technologie eröffnet Möglichkeiten, die weit über klassische Effizienzsteigerungen hinausgehen.
Von AI-Experimenten zur Industrialisierung
Wie viele Unternehmen hat auch Belimo in den vergangenen Jahren zunächst Erfahrungen mit generativer AI gesammelt. Unterschiedliche Anwendungsfälle wurden getestet, Proofs of Concept umgesetzt und erste Erkenntnisse gewonnen.
Nun beginnt für Sven Maushake die nächste Phase: die Industrialisierung von AI.
Dabei geht es nicht mehr hauptsächlich darum, einzelne Möglichkeiten auszuprobieren. AI soll systematisch in die Organisation, die bestehenden Systeme und vor allem in die Geschäftsprozesse integriert werden.
Belimo verfolgt dazu einen Ansatz mit drei technologischen Ebenen.
Auf der ersten Ebene stehen Anwendungen wie Microsoft Copilot, die Mitarbeitende bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen. Mehr als 700 Mitarbeitende nutzen das Tool bereits. Entscheidend ist dabei nicht allein die technische Bereitstellung. Belimo setzt auf einen freiwilligen Zugang, begleitet von Schulungen, Communities und aktivem Wissensaustausch.
Die zweite Ebene umfasst unternehmensspezifische AI Agents und eine gemeinsame Daten- und Integrationsplattform. Hier entsteht die Möglichkeit, Informationen aus unterschiedlichen Anwendungen zusammenzuführen und komplexere Aufgaben zu automatisieren.
Auf der dritten Ebene stehen die bestehenden Geschäftsanwendungen wie ERP- und CRM-Systeme. Auch deren Hersteller integrieren zunehmend AI-Funktionen, die Belimo gezielt nutzen möchte.
Besonders interessant ist für Maushake das Zusammenspiel dieser Ebenen. Wenn intelligente Agenten beispielsweise Informationen aus SAP und CRM kombinieren können, entstehen neue Möglichkeiten zur Optimierung ganzer Geschäftsprozesse.
AI Agents verändern die Geschäftsprozesse
Wie gross das Potenzial ist, zeigt sich insbesondere bei Prozessen mit vielen manuellen Arbeitsschritten.
Sven Maushake nennt dafür Beispiele aus dem Vertrieb. Dazu gehören die Bearbeitung von Kundenanfragen, das Erstellen von Offerten oder der Abgleich technischer Spezifikationen mit Ausschreibungen.
Heute sind viele dieser Tätigkeiten mit manuellem Aufwand verbunden. Künftig könnten spezialisierte AI Agents einzelne Schritte übernehmen und miteinander verknüpfen.
Belimo arbeitet bereits an entsprechenden Pilotanwendungen, etwa zur Unterstützung bei der Beantwortung von Ausschreibungen. Auch die Auftragserfassung bietet aufgrund ihres hohen manuellen Anteils Potenzial.
Der entscheidende Punkt: AI beschleunigt nicht zwangsläufig nur bestehende Tätigkeiten. Bestimmte Arbeitsschritte könnten vollständig durch Agenten übernommen werden.
Damit verändern sich langfristig auch die Aufgaben der Mitarbeitenden. Routinetätigkeiten fallen teilweise weg, während andere Aufgaben mit höherer Wertschöpfung an Bedeutung gewinnen.
Für Unternehmen wird deshalb nicht nur die technische Umsetzung anspruchsvoll. Auch das Change Management und die Weiterentwicklung bestehender Rollen werden zu zentralen Aufgaben.
Datenqualität und Prozessstandardisierung als Erfolgsfaktoren
Die technologischen Voraussetzungen für die Industrialisierung von AI sind bei Belimo in vielen Bereichen bereits vorhanden.
Das Unternehmen verfügt über eine vergleichsweise gut harmonisierte Systemlandschaft mit zentralen Geschäftsanwendungen. Dennoch sieht Sven Maushake Verbesserungspotenzial – insbesondere auf Prozessebene.
Das starke internationale Wachstum hat dazu geführt, dass sich in verschiedenen Märkten unterschiedliche Abläufe etabliert haben. Was lokal sinnvoll erscheint, kann bei zunehmendem Geschäftsvolumen die globale Skalierung erschweren.
Die Herausforderung liegt deshalb darin, Prozesse stärker zu harmonisieren, ohne die Kundennähe und notwendige lokale Flexibilität zu verlieren.
Gleichzeitig wird ein professionelles Datenmanagement immer wichtiger. Denn AI kann nur dann zuverlässige Ergebnisse liefern, wenn die zugrunde liegenden Informationen verfügbar, strukturiert und qualitativ hochwertig sind.
«Garbage in, garbage out» gilt damit auch im Zeitalter generativer AI.
Für Maushake gehören deshalb klare Datenverantwortlichkeiten, harmonisierte Datenstrukturen und eine geeignete technische Architektur zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche AI-Transformation.
Rückblickend würde er sogar noch früher und stärker in diese Grundlagen investieren.
AI gehört in die Geschäftsstrategie – nicht nur in die IT
Bei Belimo soll AI kein isoliertes Technologieprojekt bleiben.
Statt ein eigenständiges, zentrales AI-Strategiedokument zu erstellen, integriert das Unternehmen AI in seine verschiedenen funktionalen Strategien. Dazu gehören beispielsweise die IT-, Supply-Chain- und Innovationsstrategie.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Der konkrete Nutzen von AI entsteht dort, wo Geschäftsprozesse gestaltet und verantwortet werden.
Die Fachbereiche müssen deshalb verstehen, welche Möglichkeiten die Technologie bietet und wo sie sinnvoll eingesetzt werden kann. Die IT unterstützt dabei mit Plattformen, Know-how und technischer Umsetzung.
Das setzt allerdings voraus, dass Führungskräfte selbst ein grundlegendes Verständnis von AI entwickeln.
Sie müssen nicht jedes technische Detail kennen. Entscheidend ist vielmehr, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Aufgaben AI übernehmen kann, wo ihre Grenzen liegen und welche neuen Möglichkeiten daraus für den eigenen Verantwortungsbereich entstehen.
Gerade weil sich die Technologie so schnell verändert, wird diese Fähigkeit zunehmend wichtig.
Zwischen Faszination und Veränderungsdruck
Sven Maushake blickt mit grosser Faszination auf die Entwicklung von AI. Gleichzeitig beschreibt er offen, dass das enorme Tempo auch Druck erzeugt.
Neue Modelle, Anwendungen und Anbieter entstehen beinahe laufend. Fähigkeiten, die vor wenigen Jahren noch beeindruckend waren, gehören heute bereits zum Standard.
Für Unternehmen entsteht dadurch ein Spannungsfeld: Einerseits müssen sie mit der Entwicklung Schritt halten. Andererseits benötigen nachhaltige Veränderungen Zeit, klare Prioritäten und solide Grundlagen.
Nicht jede technologische Neuerung rechtfertigt deshalb sofort ein neues Projekt.
Entscheidend ist, jene Anwendungsfälle zu erkennen, die tatsächlich einen Mehrwert schaffen, und die verfügbaren Ressourcen konsequent darauf auszurichten.
Dazu gehören auch Investitionen in Mitarbeitende, Führung und Organisationsentwicklung. Denn die Fähigkeit, technologische Innovationen erfolgreich umzusetzen, hängt nicht allein von der Leistungsfähigkeit der eingesetzten Systeme ab.
Jetzt die siebte Folge von «shift» anhören
Das Gespräch mit Sven Maushake zeigt, wie eng technologischer Fortschritt, Unternehmenswachstum und organisatorische Transformation miteinander verbunden sind.
Belimo profitiert als Schweizer Technologieunternehmen direkt vom weltweiten AI-Boom. Gleichzeitig steht das Unternehmen vor der Herausforderung, AI selbst produktiv einzusetzen und die eigenen Geschäftsprozesse auf weiteres Wachstum auszurichten.
Dabei wird deutlich: Der nachhaltige Nutzen von AI entsteht nicht durch möglichst viele Experimente oder die Einführung einzelner Tools. Entscheidend sind eine durchdachte Integration in die Geschäftsprozesse, verlässliche Daten und Mitarbeitende, die neue Technologien verstehen und anwenden können.
Ausserdem sprechen Balz Zürrer und Sven Maushake darüber, wie AI Agents bestehende Arbeitsabläufe verändern, weshalb Standardisierung für die Skalierung entscheidend ist und welche Rolle Führungskräfte in einer zunehmend AI-geprägten Unternehmenswelt übernehmen müssen.
Die siebte Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» ist ab sofort auf Spotify und YouTube verfügbar.

