AI mit Business-Nutzen: Daniel Fiechter zu Gast im «shift»-Podcast

Wie wird aus AI echter Business-Nutzen?

Neue AI-Modelle, Tools und Use Cases entstehen beinahe täglich. Doch welche davon bringen ein Unternehmen tatsächlich weiter? Und wie verhindert man, dass aus Innovationsfreude ein unübersichtlicher Technologie-Zoo entsteht? In der vierten Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» spricht Balz Zürrer mit Daniel Fiechter, CIO und Managing Director bei Vitra, über pragmatische Digitalisierung, klare AI-Strategien und die Frage, wie sich Führung im Zusammenspiel von Mensch und AI verändert.

Technologie als Hebel für das Business

Daniel Fiechter bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Unternehmensführung, Technologie und Customer Experience. Als CIO und Managing Director bei Vitra verantwortet er die technologische Transformation und operative Exzellenz des Unternehmens.

Zuvor war er als Group CIO und Mitglied der Geschäftsleitung bei STOBAG tätig und begleitete dort die digitale Transformation eines klassischen Industrieunternehmens. Seine unternehmerischen Wurzeln als Gründer der taktwerk GmbH prägen seinen Blick auf Technologie bis heute: Entscheidend ist nicht das neueste Tool, sondern der konkrete geschäftliche Nutzen.

Auch bei Vitra versteht Daniel Fiechter IT nicht als reine Systemverwaltung. Technologie soll Geschäftsprozesse verbessern, die Strategie unterstützen und dort eingesetzt werden, wo sie für das Unternehmen einen echten Unterschied macht. Im Gespräch bringt er es auf einen zentralen Gedanken: IT und Business lassen sich immer weniger voneinander trennen.

AI braucht Fokus statt Technologie-Hype

Nach dem Aufkommen von ChatGPT hat Vitra früh eine interne AI Task Force aufgebaut. Mitarbeitende aus verschiedenen Unternehmensbereichen konnten experimentieren und mögliche Einsatzgebiete sammeln. Daraus entstanden mehr als 100 Use Cases.

Mit der Vielzahl an Ideen zeigte sich jedoch auch eine Herausforderung: Ähnliche Anwendungsfälle wurden teilweise in verschiedenen Abteilungen, mit unterschiedlichen Partnern und auf unterschiedlichen Technologie-Stacks verfolgt. Für Daniel Fiechter war deshalb klar, dass es mehr Fokus und eine gemeinsame Strategie braucht.

Heute konzentriert sich Vitra bewusst auf Bereiche, in denen AI einen konkreten Mehrwert schaffen kann. Im Mittelpunkt stehen insbesondere Effizienzsteigerungen, Sales Support und der Umgang mit Produktwissen.

Dabei beginnt die Diskussion nicht mit der Frage, welches AI-Modell oder welcher Agent eingesetzt werden soll. Zuerst muss klar sein, welches Problem überhaupt gelöst werden soll.

Nicht jede Herausforderung verlangt nach AI. Gerade in bestehenden Prozessen kann klassische Automatisierung weiterhin die sinnvollere Lösung sein. Erst wenn Prozesse, Daten und gewünschte Ergebnisse verstanden sind, lässt sich beurteilen, welche Technologie tatsächlich einen Unterschied macht.

Prozesse neu denken statt nur neue Tools ergänzen

Für Daniel Fiechter liegt ein wesentlicher Hebel darin, bestehende Prozesse nicht einfach mit AI etwas schneller zu machen. Unternehmen sollten sich vielmehr fragen, wie ein Prozess mit den heutigen technologischen Möglichkeiten grundsätzlich neu gestaltet werden könnte.

Denn wer für jedes Problem lediglich ein weiteres spezialisiertes Tool ergänzt, schafft mit der Zeit einen «Technologie-Zoo»: viele einzelne Anwendungen, höhere Komplexität und zusätzliche Kosten, ohne dass der geschäftliche Nutzen im gleichen Mass steigt.

Balz Zürrer (links) im Gespräch mit Daniel Fiechter (rechts).

Vitra verfolgt deshalb einen Plattformansatz und setzt im AI-Umfeld auf die Microsoft-Plattform. Dokumente und Wissen befinden sich bereits in Microsoft 365, SharePoint und Teams. Dadurch kann sich das Unternehmen stärker auf die eigentlichen Probleme und Anwendungsfälle konzentrieren, anstatt bei jedem Use Case erneut über einzelne Technologien und Modelle entscheiden zu müssen.

Der Plattformgedanke soll helfen, Wissen zentral nutzbar zu machen und neue Lösungen auf einer gemeinsamen Grundlage aufzubauen.

Menschen müssen die Veränderung mitgestalten

Neben Technologie und Prozessen spielt auch die Adoption eine entscheidende Rolle. Bei Vitra gibt es rund 40 bis 50 AI-Enthusiasten aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen, die neue Möglichkeiten ausprobieren und ihr Wissen in die Organisation tragen.

Ergänzt wird dieser Bottom-up-Ansatz durch niederschwellige Schulungen und regelmässige Austauschgefässe. Mitarbeitende können beispielsweise Copilot Chat nutzen und Erfahrungen zu Text-, Bild- und Videogenerierung oder weiteren AI-Anwendungen miteinander teilen.

Gleichzeitig reicht Experimentieren allein nicht aus. Sobald Prozesse grundlegend verändert werden sollen, braucht es aus Sicht von Daniel Fiechter auch klare Entscheidungen und teilweise einen Top-down-Ansatz. Es geht nicht nur darum, bestehende Abläufe schrittweise zu verbessern, sondern sie mit den neuen Möglichkeiten grundsätzlich zu hinterfragen.

Leadership zwischen Mensch und AI

Mit AI Agents verändert sich auch die Frage, wie Arbeit künftig organisiert und geführt wird. Für Daniel Fiechter wird eine zentrale Fähigkeit von Führungskräften darin bestehen, unterscheiden zu können, welche Aufgaben autonom ausgeführt werden können und wo weiterhin der Mensch gefragt ist.

Gut definierte Prozesse mit klaren Outcomes können zunehmend automatisiert werden. Bei komplexen Entscheidungen, kritischen Situationen oder dort, wo Kontext, Erfahrung und Fingerspitzengefühl gefragt sind, bleibt der Mensch dagegen entscheidend.

Damit verändert sich möglicherweise auch das Verständnis von Führung. Entscheidend ist künftig weniger, wie viele Mitarbeitende jemand führt, sondern welches Ergebnis erzielt wird – unabhängig davon, ob einzelne Aufgaben von Menschen oder Agents übernommen werden.

«Ich glaube, es wird immer wichtiger zu unterscheiden, wo es wirklich den menschlichen Entscheid braucht und was ich autonom laufen lassen kann.»

Daniel Fiechter

CIO & Managing Director I Vitra

Veränderungsbereitschaft wird zum entscheidenden Skill

Die technologische Entwicklung beschleunigt sich laufend. Welche Fähigkeiten in fünf oder zehn Jahren genau benötigt werden, lässt sich kaum zuverlässig vorhersagen.

Umso wichtiger ist für Daniel Fiechter die Fähigkeit, sich an neue Situationen anzupassen und bestehende Kompetenzen auf neue Aufgaben zu übertragen. Veränderungsbereitschaft und Adaptionsfähigkeit werden damit zu zentralen Fähigkeiten in einer Arbeitswelt, die sich durch AI laufend weiterentwickelt.

Dabei ist er überzeugt, dass Arbeit nicht einfach verschwinden wird. Vielmehr werden sich Rollen und Tätigkeiten verändern – ähnlich wie bei früheren technologischen Umbrüchen.

Jetzt die vierte Folge von «shift» anhören

Das Gespräch mit Daniel Fiechter zeigt einen bewusst pragmatischen Blick auf AI und digitale Transformation. Es geht um die Frage, wie Unternehmen aus vielen Ideen einen klaren Fokus entwickeln, warum der Business-Nutzen vor der Technologie stehen sollte und weshalb Prozesse mit den neuen Möglichkeiten grundlegend neu gedacht werden müssen.

Ausserdem sprechen Balz Zürrer und Daniel Fiechter darüber, wie Mitarbeitende bei der Veränderung mitgenommen werden können und welche Rolle Menschen und AI Agents künftig in Unternehmen einnehmen werden.

Die vierte Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» ist ab sofort auf Spotify und YouTube verfügbar.

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