Von AI-Pilotprojekten zur echten Wirkung: Drei Experten zu Gast im «shift»-Podcast

Wie wird aus AI echte wirtschaftliche Wirkung?

AI ist in vielen Unternehmen längst angekommen. Mitarbeitende fassen damit Texte zusammen, erstellen Entwürfe oder testen neue Anwendungen. Doch sobald es um messbare Auswirkungen auf Prozesse, Geschäftsmodelle oder das Betriebsergebnis geht, wird die Zahl der konkreten Beispiele deutlich kleiner. Genau dieser Widerspruch stand im Zentrum der sechsten Folge von «shift – Das Signal im Rauschen».

Die Episode entstand als Live-Aufzeichnung an unserem Sommerfest «Summerdays & AI Waves» in Wil. Vor Publikum diskutierte Balz Zürrer mit gleich drei Gästen: Dr. Alexander Fust vom KMU-HSG der Universität St. Gallen, Dr. Karl Neumüller von der OST – Ostschweizer Fachhochschule und Marc Holitscher, National Technology Officer bei Microsoft Schweiz. Gemeinsam sprachen sie darüber, wie Unternehmen den Weg vom Experiment zur Wirkung schaffen, wie AI Agents die Arbeit verändern und was die Schweiz tun muss, um ihre Innovationskraft zu stärken.

Drei Perspektiven auf dieselbe Herausforderung

Die drei Gäste betrachten AI aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Alexander Fust beschäftigt sich am KMU-HSG intensiv mit Unternehmertum, Innovation und den konkreten Herausforderungen kleiner und mittlerer Unternehmen. Karl Neumüller verbindet an der OST strategisches Management und Geschäftsmodellinnovation mit der Praxis aus Industrie- und Forschungsprojekten. Marc Holitscher ordnet die Entwicklung aus Sicht eines globalen Technologieunternehmens ein und beschäftigt sich insbesondere mit Infrastruktur, Skalierung, Governance und der verantwortungsvollen Einführung neuer Technologien.

Trotz dieser unterschiedlichen Perspektiven zeigt sich im Gespräch schnell eine gemeinsame Überzeugung: Technologie allein schafft noch keine Transformation. Erst wenn Unternehmen ihre wertschöpfenden Prozesse verstehen, klare Prioritäten setzen und ihre Mitarbeitenden befähigen, kann aus AI ein messbarer Nutzen entstehen.

Vom Technologie-Zoo zur klaren AI-Strategie

In vielen Unternehmen beginnt die AI-Reise mit einzelnen Ideen. Mitarbeitende probieren Tools aus, Abteilungen starten Proof of Concepts und unterschiedliche Teams suchen nach dem einen «goldenen Use Case». Diese Experimentierfreude ist wichtig, kann aber auch zu einem Technologie-Zoo führen: Zahlreiche isolierte Lösungen existieren nebeneinander, Synergien bleiben ungenutzt und eine gemeinsame Governance fehlt.

Aus Sicht der Gesprächsrunde braucht es deshalb einen Perspektivenwechsel. Unternehmen sollten nicht bei einem neuen Tool beginnen und anschliessend nach einer passenden Anwendung suchen. Sinnvoller ist es, einen wichtigen Geschäftsprozess oder einen konkreten Engpass in der Wertschöpfung zu identifizieren. Erst danach stellt sich die Frage, wie AI, Automatisierung oder andere digitale Technologien diesen Prozess grundlegend verbessern können.

Gerade bei KMU muss der Einstieg dabei nicht perfekt sein. Unvollständige Daten oder fehlende Erfahrung dürfen nicht dazu führen, ein Vorhaben auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Entscheidend ist, fokussiert zu starten, Erfahrungen zu sammeln und aus ersten Anwendungen eine tragfähige Struktur zu entwickeln.

Balz Zürrer (rechts) im Gespräch mit Dr. Alexander Fust, Dr. Karl Neumüller und Marc Holitscher (von links nach rechts).

AI-Transformation ist eine Führungsaufgabe

Der Schritt vom Experiment zur unternehmensweiten Wirkung lässt sich nicht einfach an die IT delegieren. Es braucht eine Geschäftsleitung, die ein Zielbild entwickelt, Prioritäten setzt und AI als Teil der Unternehmensstrategie versteht. Dazu gehören neben der technologischen Basis auch Kultur, Governance und die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden.

Marc Holitscher beschreibt die Einführung von AI als Entwicklung entlang einer J-Kurve. Zu Beginn kann der Return on Investment sogar negativ sein, weil Unternehmen in Infrastruktur, Kompetenzen und neue Arbeitsweisen investieren müssen. Die grössere Wirkung entsteht erst später, wenn Prozesse angepasst wurden und die Technologie in der Breite genutzt werden kann.

Das erklärt auch, weshalb viele Unternehmen den Nutzen heute zwar spüren, ihn aber noch nicht direkt im EBIT erkennen. Auf dem Weg dorthin können deshalb weitere Messgrössen wichtig sein: etwa die Qualität von Ergebnissen, die Wirkung einer Marketingkampagne, eine bessere Kundenbindung oder die Zeit, die in einem Prozess eingespart wird.

«Technologie ist ein Teil der Gleichung. Aber die Nutzungsfähigkeit seitens der Kunden oder Kundinnen ist wahrscheinlich sogar der wichtigere Teil.»

Marc Holitscher

National Technology Officer | Microsoft Schweiz

Wenn Agents zu einem Teil der Belegschaft werden

Besonders deutlich wird der Wandel bereits in der Softwareentwicklung. Code wird zunehmend von AI Agents erstellt und durch weitere Agents geprüft. Die Rolle des Menschen verschiebt sich: Er definiert das Ziel, orchestriert den Prozess, beurteilt die Ergebnisse und übernimmt Verantwortung.

Ein ähnliches Modell ist künftig auch in anderen Bereichen denkbar. Sales Agents, HR Agents oder Supply-Chain-Agents könnten einzelne Tätigkeiten selbstständig ausführen. Marc Holitscher geht davon aus, dass verantwortliche Agents künftig eine eigene Identität sowie klar definierte Zugriffs- und Arbeitsrechte benötigen werden – möglicherweise sogar mit einer Abbildung in den HR-Systemen des Unternehmens.

Damit werden menschliche Fähigkeiten jedoch nicht überflüssig. Im Gegenteil: Beurteilungsfähigkeit, Intuition, emotionale Intelligenz und Kontextverständnis gewinnen an Bedeutung. Wer Aufgaben an Agents delegiert, muss einen Prozess genau verstehen, Probleme präzise formulieren und am Ende beurteilen können, ob das gewünschte Ergebnis erreicht wurde.

Neue Rollen statt Arbeit ohne Menschen

Die schnelle Entwicklung wirft auch die Frage auf, welche Perspektiven Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger künftig haben. Routineaufgaben, an denen Juniors bisher Erfahrungen sammeln konnten, werden zunehmend von AI übernommen. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Ausbildung und Unternehmen.

An den Hochschulen gehört der praktische Umgang mit AI deshalb immer stärker zur Lehre. Studierende sollen die Werkzeuge nicht nur kennen, sondern sie aktiv einsetzen, Ergebnisse kritisch prüfen und Verantwortung übernehmen. Virtuelle Coaches könnten sie künftig bei Gruppenarbeiten begleiten und nach einzelnen Arbeitsschritten direktes Feedback geben.

Die Gesprächsrunde erwartet nicht, dass ganze Berufsbilder einfach verschwinden. Wahrscheinlicher ist, dass einzelne Tätigkeiten automatisiert und Rollen neu zusammengesetzt werden. Unternehmen und Gesellschaft müssen jedoch Lösungen dafür finden, wie junge Menschen weiterhin in die Arbeitswelt einsteigen, praktische Erfahrung sammeln und sich zu den Fachkräften von morgen entwickeln können.

Die Schweiz hat gute Karten – wenn sie ins Handeln kommt

Für die Schweiz sehen die drei Experten starke Voraussetzungen. Forschung, Berufsbildung, Fachhochschulen, Start-ups und etablierte Unternehmen bilden ein leistungsfähiges Innovationssystem. Hinzu kommen Werte wie Qualität und Vertrauen, mit denen sich die Schweiz auch international positionieren kann.

Entscheidend ist jedoch, neue Technologien nicht nur zu entwickeln, sondern sie schnell in die breite Anwendung zu bringen. Fachhochschulen und Initiativen wie das Innovationsnetzwerk Ostschweiz mit dem Fokus «KI x KMU» können dabei eine wichtige Brücke zwischen Forschung und Praxis bilden. Kostenlose Seminare, Coachings und Innovationsvoucher helfen gerade kleineren Unternehmen, erste Schritte zu gehen.

Neben Wissen und Unternehmertum braucht es aber auch die passende Infrastruktur. Leistungsfähige Rechenzentren, verfügbare Energie und wettbewerbsfähige Strompreise werden zu wichtigen Standortfaktoren. Gleichzeitig können Schweizer Sprachmodelle wie Apertus für bestimmte Anwendungsbereiche eine sinnvolle Ergänzung darstellen.

Drei Dinge für den nächsten Montagmorgen

Zum Abschluss des Gesprächs bat Balz Zürrer die drei Gäste um konkrete Empfehlungen für den nächsten Arbeitstag. Ihre Antworten lassen sich in drei Gedanken zusammenfassen:

  1. Den grössten Engpass identifizieren: Wo lässt sich der Kundennutzen am stärksten verbessern? Dieser Engpass braucht eine verantwortliche Person und eine klare Messgrösse.
  2. AI strukturiert betrachten: Welche Möglichkeiten gibt es im persönlichen Arbeitsalltag, in Unterstützungsprozessen und in der eigentlichen Kernleistung? Und kann daraus vielleicht sogar ein neues Geschäftsmodell entstehen?
  3. Ausprobieren und weiterlernen: Unternehmen und Mitarbeitende müssen sich aktiv mit den Technologien auseinandersetzen. Lebenslanges Lernen wird dabei unabhängig von Alter und Branche zur Grundvoraussetzung.

Die sechste Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» ist ab sofort auf Spotify und YouTube verfügbar.

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