AI, Daten und technologische Resilienz: Fabian Ringwald zu Gast im «shift»-Podcast

Wie treffen Unternehmen die richtigen Technologieentscheidungen?

AI entwickelt sich rasant. Neue Modelle, Plattformen und Anwendungen entstehen laufend – und mit ihnen die Frage, wie Unternehmen entscheiden, welche Technologien sie selbst entwickeln, früh einsetzen oder bewusst erst später übernehmen sollten.

In der fünften Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» spricht Balz Zürrer mit Fabian Ringwald, CIO und Mitglied der Geschäftsleitung bei SWICA, über Daten als Grundlage der Digitalisierung, die AI-Reise des Krankenversicherers und einen pragmatischen Umgang mit Innovation. Dabei geht es auch um gescheiterte Experimente, eine Smart-Fast-Follower-Strategie und die Frage, weshalb technologische Resilienz wichtiger sein kann als vollständige digitale Souveränität.

Technologie für Menschen und Gesellschaft

Fabian Ringwald bewegt sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Strategie und Unternehmensführung. Heute ist er CIO und Mitglied der Geschäftsleitung bei SWICA. Seine Rolle versteht er dabei nicht als rein technologische Aufgabe. Vielmehr geht es darum, Technologie so einzusetzen, dass sie für Menschen und das Unternehmen einen konkreten Beitrag leisten kann.

Sein beruflicher Weg führte ihn durch unterschiedliche Branchen – von der Energie über die Logistik bis ins Gesundheitswesen. Bei BKW beschäftigte er sich unter anderem mit dem Energiehandel, bei SBB Cargo mit Systemen, die für die Güterversorgung relevant waren. Heute trägt er bei SWICA dazu bei, den Zugang zu einem funktionierenden Gesundheitssystem technologisch zu unterstützen.

Der gemeinsame Nenner dieser Stationen ist für ihn die gesellschaftliche Relevanz. Technologie soll nicht Selbstzweck sein, sondern dort eingesetzt werden, wo sie für Menschen und Organisationen einen konkreten Nutzen schafft.

Gerade im Gesundheitswesen entsteht dabei ein besonderes Spannungsfeld. Hochprofessionalisierte Tätigkeiten verlangen nach Stabilität und Verlässlichkeit. Digitale Werkzeuge dagegen verändern sich schnell. Innovation muss deshalb so gestaltet werden, dass sie unterstützt, ohne die Menschen bei ihrer eigentlichen Arbeit unnötig auszubremsen.

Daten als Grundlage für Digitalisierung und AI

Als Fabian Ringwald zu SWICA kam, wurde für ihn schnell deutlich, welche zentrale Rolle Daten in einer Versicherung spielen. Neben Menschen und Kapital ist Informatik ein wesentlicher Produktionsfaktor – und diese Informatik wiederum wird durch Daten angetrieben.

SWICA entschied sich deshalb früh für einen Data-Mesh-Ansatz. Dahinter steht die Idee, Daten nicht ausschliesslich zentral durch spezialisierte Teams nutzbar zu machen. Stattdessen sollen Fachbereiche auf verlässliche Datenprodukte zugreifen und daraus selbst Informationen und Entscheidungen ableiten können.

Balz Zürrer (links) im Gespräch mit Fabian Ringwald (rechts).

Dieser Ansatz war zunächst eine langfristige Wette. Heute gewinnt er durch AI zusätzlich an Bedeutung. Denn leistungsfähige AI-Anwendungen sind auf verfügbare, verständliche und qualitativ gute Daten angewiesen.

Damit zeigt sich auch: Die Voraussetzungen für AI entstehen nicht erst mit der Einführung eines neuen Modells oder Tools. Sie werden oft Jahre zuvor durch Entscheidungen rund um Datenarchitektur, Governance und die Organisation von Wissen geschaffen.

AI-Experimente dürfen auch scheitern

Die AI-Reise von SWICA verlief trotzdem nicht geradlinig. Wie viele andere Unternehmen startete der Krankenversicherer mit Experimenten und hohen Erwartungen – und machte dabei auch Erfahrungen, die nicht zum gewünschten Ergebnis führten.

Bereits vor dem öffentlichen Durchbruch von ChatGPT experimentierte SWICA gemeinsam mit einem Technologiepartner mit generativer AI. Ein Beratungsgespräch sollte automatisch transkribiert und anschliessend zusammengefasst werden.

Die Transkription funktionierte bereits erstaunlich gut. Bei der Zusammenfassung zeigten sich jedoch Grenzen: Inhalte wurden teilweise falsch interpretiert oder ergänzt. Für einen Prozess, dessen Ergebnis direkt an Kunden weitergegeben werden sollte, war die notwendige Verlässlichkeit damit nicht gegeben.

Die entscheidende Erkenntnis daraus lautet für Fabian Ringwald: Unternehmen müssen auch den Mut haben, Experimente wieder zu beenden.

«Kill your Darlings» bedeutet für ihn, eine Idee nicht allein deshalb weiterzuverfolgen, weil bereits Zeit, Geld oder Begeisterung investiert wurden. Wenn sich zeigt, dass eine Lösung nicht zielführend ist, kann es die bessere Entscheidung sein, sie bewusst zu stoppen.

Smart-Fast-Follower statt Innovation um jeden Preis

Diese Erfahrung prägt auch den strategischen Umgang von SWICA mit neuen Technologien. Das Unternehmen versteht sich nicht als Technologieproduzent, sondern als Technologieanwender.

Der Anspruch besteht deshalb nicht darin, bei jeder Innovation der erste Nutzer zu sein. Stattdessen verfolgt SWICA eine Smart-Fast-Follower-Strategie.

Entscheidend ist dabei das «smart». Der richtige Zeitpunkt soll bewusst gewählt werden. Eine Technologie muss ausreichend reif sein, gleichzeitig darf ein Unternehmen aber auch nicht so lange warten, bis relevante Chancen bereits vergeben sind.

Ein möglicher Indikator dafür ist für Fabian Ringwald, nicht zwingend der erste oder zweite Kunde einer neuen Lösung zu sein. Der dritte oder vierte Kunde kann bereits von Erfahrungen profitieren, ohne zu spät in eine technologische Entwicklung einzusteigen.

Damit vermeidet SWICA auch ein Risiko, das viele Innovationsprojekte begleitet: Unternehmen investieren viel in selbst entwickelte oder sehr frühe Lösungen und müssen diese anschliessend langfristig weiterentwickeln und betreiben. Gleichzeitig verbessern spezialisierte Anbieter ihre Produkte kontinuierlich und können irgendwann Lösungen anbieten, die funktional reifer und wirtschaftlich attraktiver sind.

Wer dann nur noch aus Gründen des «Investitionsschutzes» an der eigenen Lösung festhält, läuft Gefahr, technologische Schulden weiterzutragen.

Hier schliesst sich der Kreis zu «Kill your Darlings»: Innovation bedeutet nicht nur, Neues zu beginnen. Manchmal gehört auch die Entscheidung dazu, etwas wieder loszulassen.

Vom digitalen Souveränitätsgedanken zur Resilienz

Ein weiteres Thema des Gesprächs ist die zunehmende Abhängigkeit von internationalen Technologieanbietern und Hyperscalern.

Für Fabian Ringwald greift der häufig verwendete Begriff der digitalen Souveränität dabei zu kurz. Vollständige technologische Unabhängigkeit sei kaum realistisch. Abhängigkeiten gab es bereits lange vor der Cloud – sie lagen früher lediglich bei anderen Anbietern und Technologien.

Verändert hat sich vor allem das geopolitische Umfeld.

Entscheidend ist deshalb aus seiner Sicht weniger die Frage, ob Abhängigkeiten vollständig verhindert werden können. Unternehmen sollten vielmehr verstehen, welche Abhängigkeiten sie eingehen, welche Risiken daraus entstehen und wie diese kontrolliert werden können.

«Ich glaube, was wir wirklich brauchen, ist nicht Souveränität, sondern Resilienz.»

Fabian Ringwald

Chief Information Officer I SWICA

Dazu gehört beispielsweise die Fähigkeit, auch bei einem Wechsel des Cloud-Anbieters innerhalb einer sinnvollen Frist wieder auf die eigenen Daten zugreifen und diese weiterverwenden zu können.

Resilienz bedeutet damit nicht, auf globale Technologieanbieter zu verzichten. Es bedeutet, bewusst mit Abhängigkeiten umzugehen und sich Handlungsoptionen zu erhalten.

Technologie als Teil eines besseren Gesundheitswesens

Die technologische Transformation bei SWICA steht gleichzeitig immer im Kontext des Gesundheitswesens.

Fabian Ringwald beschreibt den Krankenversicherer dabei unter anderem als Treuhänder der Prämienzahlenden und als eine Art «ökonomisches Gewissen» innerhalb eines komplexen Systems. Ein strategischer Ansatz von SWICA ist deshalb Value-Based Healthcare: medizinische Versorgung soll stärker danach ausgerichtet werden, welchen tatsächlichen Wert sie für Patienten schafft.

Ein Beispiel dafür ist die Betreuung chronisch erkrankter Menschen. Statt Patienten unabhängig von ihrem aktuellen Zustand in festen Abständen zu einer Konsultation aufzubieten, können Daten und strukturierte Abfragen helfen, gezielter zu erkennen, wann ein persönlicher Termin tatsächlich notwendig ist.

Davon können mehrere Seiten profitieren: Patienten vermeiden unnötige Wege und Wartezeiten, medizinische Fachpersonen können ihre Zeit stärker auf relevante Fälle konzentrieren und gleichzeitig können Kosten reduziert werden.

SWICA arbeitet dabei bewusst in Partnerschaften und versteht sich als ein Akteur unter vielen in einem komplexen Gesundheitsökosystem.

Führung bedeutet, gute Entscheidungen zu ermöglichen

Auch beim Thema Leadership vertritt Fabian Ringwald einen klaren Standpunkt.

SWICA ist organisatorisch durchaus hierarchisch aufgebaut. Eine hierarchische Führungskultur ist für ihn jedoch etwas anderes. Entscheidend ist, dass Entscheidungen möglichst dort getroffen werden können, wo das notwendige Wissen vorhanden ist.

Führungskräfte müssen deshalb nicht zwangsläufig selbst die besten Antworten kennen.

Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gute Entscheidungen entstehen können – sie zu ermöglichen, zu unterstützen und Verantwortung dort zuzulassen, wo das entsprechende Wissen vorhanden ist.

Diese Haltung verbindet sich auch mit dem Data-Mesh-Gedanken: Informationen und Entscheidungskompetenz sollen nicht unnötig zentralisiert werden.

Mit AI wird diese Fähigkeit aus Sicht von Fabian Ringwald noch wichtiger. Führungskräfte sollten die Technologie nicht nur theoretisch beurteilen, sondern selbst damit arbeiten und erleben, was heute bereits möglich ist – und wo die Grenzen liegen.

AI verändert die Interaktion zwischen Unternehmen und Kunden

Wie genau SWICA in fünf Jahren aussehen wird, lässt sich auch für Fabian Ringwald nicht zuverlässig vorhersagen.

Eine Veränderung hält er jedoch für wahrscheinlich: die Art und Weise, wie Unternehmen mit ihren Kunden interagieren.

Menschen gewöhnen sich zunehmend daran, Informationen unmittelbar verfügbar zu haben. AI Agents können dabei künftig einen Teil der einfachen und wiederkehrenden Kommunikation übernehmen und rund um die Uhr Antworten liefern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Mensch aus der Kundeninteraktion verschwindet.

Gerade bei komplexen oder emotional belastenden Anliegen wird der persönliche Kontakt weiterhin eine zentrale Rolle spielen. AI kann damit insbesondere jene Interaktionen übernehmen, bei denen Geschwindigkeit und Verfügbarkeit im Vordergrund stehen – während Menschen dort zum Einsatz kommen, wo Empathie, Erfahrung und Kontext entscheidend sind.

Jetzt die fünfte Folge von «shift» anhören

Das Gespräch mit Fabian Ringwald zeigt einen strategischen und gleichzeitig pragmatischen Blick auf AI und Digitalisierung. Es geht nicht darum, jede neue Technologie möglichst früh einzusetzen, sondern darum, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen und den richtigen Zeitpunkt für ihren Einsatz zu erkennen.

Daten werden dabei zur Grundlage, Experimente dürfen scheitern und technologische Abhängigkeiten müssen bewusst gemanagt werden. Die Smart-Fast-Follower-Strategie von SWICA zeigt einen Weg zwischen Innovationsdruck und übertriebener Zurückhaltung.

Ausserdem sprechen Balz Zürrer und Fabian Ringwald darüber, wie Technologie zu einem zukunftsfähigen Gesundheitswesen beitragen kann, warum Resilienz wichtiger sein kann als vollständige digitale Souveränität und wie sich Führung und Kundeninteraktion durch AI weiterentwickeln werden.

Die fünfte Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» ist ab sofort auf Spotify und YouTube verfügbar.

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