Wie digitalisiert man ein ganzes Land?
Künstliche Intelligenz und Digitalisierung verändern nicht nur Unternehmen, sondern auch öffentliche Verwaltungen. Doch wie lassen sich neue Technologien verantwortungsvoll einsetzen? Und wie gelingt der Spagat zwischen Innovation, Sicherheit und digitaler Souveränität? In der dritten Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» spricht Balz Zürrer mit Fabian Schmid, Amtsleiter des Amts für Informatik Liechtenstein, über AI in der Verwaltung, neue Arbeitsweisen und die technologische Zukunft eines ganzen Landes.
Von internationalen Grossunternehmen in die Landesverwaltung
Fabian Schmid bewegt sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Business, Technologie und Transformation. Vor seiner heutigen Tätigkeit war er in internationalen Management-, Digitalisierungs- und Projektleitungsfunktionen tätig, unter anderem bei Credit Suisse und Holcim.
Heute leitet er das Amt für Informatik der Liechtensteinischen Landesverwaltung. Was ihn an dieser Aufgabe besonders fasziniert, ist die aussergewöhnliche Breite der Anforderungen: Während sich Unternehmen häufig auf bestimmte Produkte oder Geschäftsprozesse konzentrieren, muss die Informatik eines Landes Lösungen für zahlreiche unterschiedliche Ämter und Themenbereiche bereitstellen. Das Spektrum reicht von übergreifenden Identitäts- und Zugriffsservices bis zu spezialisierten Fachapplikationen.
Diese Vielfalt bringt eine hohe Komplexität mit sich. Gleichzeitig ermöglicht die überschaubare Grösse Liechtensteins, ausgewählte Lösungen fokussiert und vergleichsweise schnell umzusetzen.
AI braucht Fokus statt endloser Ideenlisten
Neue AI-Modelle, Anwendungen und Werkzeuge erscheinen in immer kürzeren Abständen. Für eine kleinere Organisation ist es weder sinnvoll noch möglich, jede Entwicklung unmittelbar zu verfolgen. Fabian Schmid bezeichnet die liechtensteinische Landesverwaltung deshalb als eine Art «Smart Follower»: Sie beobachtet, welche Ansätze sich bewähren, wählt passende Elemente aus und setzt diese anschliessend gezielt um.
Im Zentrum stehen konkrete Anwendungsfälle. Statt immer umfangreichere Listen potenzieller Use Cases zu erstellen, sollen einzelne Lösungen tatsächlich realisiert und auf ihren Nutzen geprüft werden. Entscheidend ist, ob ein Prozess effizienter gestaltet, eine Aufgabe besser unterstützt oder eine neue Dienstleistung ermöglicht werden kann.
Auch die Bereitstellung einer Lizenz allein reicht nicht aus. Mitarbeitende müssen begleitet, ausgebildet und anhand konkreter Beispiele an die neuen Möglichkeiten herangeführt werden. Die technologische Einführung und die Veränderung der Arbeitsweise gehören deshalb untrennbar zusammen.

Die Arbeit wird sich verändern
Für Fabian Schmid ist klar, dass sich die heutigen Tätigkeiten in der Informatik und in der Verwaltung durch AI verändern werden. Dabei geht es weniger darum, dass Arbeit vollständig verschwindet. Vielmehr verschieben sich Aufgaben, Rollen und benötigte Fähigkeiten.
In der Softwareentwicklung zeigt sich diese Veränderung bereits heute besonders deutlich. Entwicklerinnen und Entwickler schreiben künftig möglicherweise weniger Code selbst und übernehmen stärker die Rolle von Orchestratoren, Qualitätsverantwortlichen und fachlichen Übersetzern. Anforderungen, Architektur, Security und die Einordnung der Ergebnisse bleiben dabei zentral.
Auch ausserhalb der Informatik werden Mitarbeitende lernen müssen, mit AI zu arbeiten und ihre eigene Rolle weiterzuentwickeln. Wichtig ist für Fabian Schmid, dass die Menschen diese Veränderung nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten können.
«Wichtig ist, dass allen klar ist, dass eine Entwicklung stattfindet und dass man an dieser Entwicklung teilhaben muss und darf.»
Fabian Schmid
Amtsleiter für Informatik Liechtenstein
Digitale Souveränität ist keine einfache Entweder-oder-Frage
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die digitale Souveränität. Gerade für öffentliche Verwaltungen stellt sich die Frage, welche Daten und Anwendungen in einer Cloud betrieben werden können und welche besonders geschützt werden müssen.
Liechtenstein setzt Microsoft 365 als Kollaborationsplattform ein. Vertrauliche und geheime Informationen sowie zentrale Fachapplikationen werden dagegen in eigenen Rechenzentren betrieben. Damit verfolgt die Landesverwaltung einen differenzierten, risikobasierten Ansatz, der sich an der Schutzwürdigkeit der jeweiligen Daten orientiert.
Auch ein Wechsel auf Open-Source-Lösungen wäre für Fabian Schmid nicht automatisch günstiger oder sicherer. Neben den eigentlichen Anwendungen müssten unter anderem Integration, Wartung, Support, Security und Schulung berücksichtigt werden. Statt eines einzelnen Anbieters könnten zahlreiche unterschiedliche Vertragspartner erforderlich werden. Die Diskussion lässt sich deshalb nicht allein auf Lizenzkosten oder die Herkunft einer Technologie reduzieren.
Digitale Souveränität ist damit letztlich auch eine strategische und politische Entscheidung. Sie hat einen Wert, verlangt jedoch entsprechende Investitionen und eine realistische Betrachtung der betrieblichen Konsequenzen.
Jetzt die dritte Folge von «shift» anhören
Das Gespräch mit Fabian Schmid bietet einen praxisnahen Einblick in die Digitalisierung einer öffentlichen Verwaltung. Es geht um den verantwortungsvollen Einsatz von AI, die Auswahl konkreter Use Cases, veränderte Berufsbilder sowie um Cloud, Open Source und digitale Souveränität.
Die dritte Folge von «shift – Das Signal im Rauschen» ist ab sofort auf Spotify und YouTube verfügbar.

