AI-first in der Praxis
Wie führt man ein Unternehmen durch eine technologische Veränderung, die gleichzeitig Chancen, Unsicherheit und echten Handlungsdruck erzeugt? Genau darüber sprach Balz Zürrer, Group CEO der Online Group und Präsident des HSG Alumni AI Club, an der diesjährigen HSG Alumni Deutschland Konferenz in München. Unter dem Konferenzmotto «Führung am Limit – Management im AI-Zeitalter» zeigte er, wie wir als Unternehmen den Schritt zur AI-first-Organisation angegangen sind – nicht als Experiment am Rand, sondern als strategischen Führungsentscheid.

Eine Wette auf die Zukunft unserer Kunden
Vor rund zweieinhalb Jahren stand die Online Group vor einer zentralen Frage: Warten wir ab, bis sich der Markt rund um künstliche Intelligenz sortiert hat – oder gestalten wir die Entwicklung aktiv mit? Für Balz war klar: AI-first ist kein klassischer Strategieentscheid mit perfektem Business Case. Es ist eine strategische Wette darauf, wo Kunden in Zukunft echten Wert sehen werden.
Diese Wette hatte drei Dimensionen: Kundinnen und Kunden sollen einen Partner erhalten, der KI pragmatisch in Prozesse übersetzt. Mitarbeitende sollen in einem Umfeld arbeiten, in dem sie moderne Werkzeuge nicht nur diskutieren, sondern täglich anwenden. Und das Unternehmen selbst soll messbar wirksamer, effizienter und erfolgreicher werden.
Vom strategischen Anspruch zur messbaren Wirkung
Der Anspruch war ambitioniert: Die Online Group wollte mit KI gewinnen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Das bedeutete, KI nicht als Zusatzthema zu behandeln, sondern als Kern der Unternehmensentwicklung.
Die Resultate zeigen, dass dieser Weg Wirkung entfaltet hat. 2025 erzielte die Online Group einen Rekord an Neukunden, erreichte das beste Geschäftsjahr ihrer Geschichte und bestätigte gleichzeitig ihre starke Arbeitgeberkultur: 97 Prozent der Mitarbeitenden sagten in der Great Place to Work Umfrage, dass online ein sehr guter Arbeitsplatz ist.
Für Balz ist genau das entscheidend: AI-first wirkt nicht nur auf einer Ebene. Richtig umgesetzt schafft KI Nutzen für Kunden, stärkt Mitarbeitende und verbessert die wirtschaftliche Performance.
AI-first ist keine IT-Initiative
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Transformation: KI lässt sich nicht an ein Spezialteam delegieren. Am Anfang stand auch bei uns die Idee, ein zentrales AI-Team aufzubauen. Doch schnell wurde klar: Das reicht nicht.
AI-first entsteht erst dann, wenn KI in den Teams, Prozessen und Business Units ankommt. Die Technologieexpertinnen und -experten schaffen die Grundlage. Aber die eigentliche Veränderung passiert dort, wo Menschen Verantwortung für Prozesse, Kundenwirkung und operative Exzellenz tragen.
Oder anders gesagt: KI ist eine Führungsaufgabe. Nicht nur eine technische.

Kultur schlägt Folien
Ein starkes Beispiel dafür war die Vibe Coding Challenge in Palermo. Das Ziel war nicht, eine weitere Schulung durchzuführen. Das Ziel war, Begeisterung und Selbstwirksamkeit auszulösen. Mitarbeitende bauten eigene Anwendungen, testeten neue Werkzeuge und erlebten direkt, was mit KI plötzlich möglich wird.
Besonders spannend: Nicht nur Entwicklerinnen und Entwickler schufen überzeugende Lösungen. Auch Mitarbeitende ausserhalb der Softwareentwicklung entwickelten eigene Anwendungen. Genau hier wird AI-first greifbar: Wenn Menschen merken, dass sie mit den neuen Werkzeugen mehr bewegen können, als sie vorher für möglich gehalten haben.
Was nicht funktioniert hat, war mindestens genauso wertvoll
Balz sprach in München auch offen über die Fails. Denn eine echte Transformation verläuft nicht linear. Die Idee einer separaten AI-Einheit erwies sich als zu wenig wirksam. Einige Teammitglieder wollten oder konnten den Weg nicht mitgehen. Und ein interner ISO-27001-Bot, technisch sinnvoll gedacht, wurde praktisch nicht genutzt.
Die Lektion daraus: KI braucht einen echten Mehrwert. Nicht jede Anwendung ist automatisch sinnvoll, nur weil sie mit KI gebaut wurde. Entscheidend ist, ob sie ein reales Problem besser löst als der bestehende Prozess.
Warum Fokus entscheidend ist
Für die Online Group war die technologische Fokussierung auf die Microsoft-Plattform ein zentraler Erfolgsfaktor. KI entfaltet dann Wirkung, wenn sie dort integriert ist, wo Menschen ohnehin arbeiten: in Microsoft 365, Teams, Outlook, Copilot, Business-Applikationen und den relevanten Datenquellen.
Dieser Fokus hilft bei Sicherheit, Datenschutz, Integration und Skalierung. Gerade für mittelständische Unternehmen ist das entscheidend: Wer AI-first werden will, braucht nicht möglichst viele Tools, sondern eine klare Plattformstrategie und robuste Governance.
Die nächste Disruption: Revenue Management
Während die Softwareentwicklung bereits heute stark durch KI verändert wird, sieht Balz die nächste grosse Veränderung im Revenue-Prozess. Von Leadgenerierung über Angebotserstellung bis zur Kundenunterschrift werden Agenten künftig stärker vorbereiten, strukturieren, dokumentieren und nächste Schritte auslösen.
Der Mensch bleibt zentral, aber seine Rolle verändert sich. Verkäuferinnen und Verkäufer verbringen mehr Zeit im echten Kundengespräch. KI-Agenten übernehmen standardisierbare Aufgaben, liefern Entscheidungsgrundlagen und sorgen für mehr Geschwindigkeit im Prozess.
Das Ziel ist keine Automatisierung um der Automatisierung willen. Das Ziel ist mehr Wirkung dort, wo Menschen den grössten Unterschied machen.
Führung im AI-Zeitalter braucht Mut und Klarheit
Balz’ Botschaft an der HSG Alumni DKon war klar: KI ist disruptiv. Jedes Unternehmen entscheidet selbst, ob es diese Veränderung aktiv gestaltet oder abwartet. Eine AI-first-Strategie braucht Mut, weil nicht alles planbar ist. Sie braucht Fokus, weil nicht jede Idee verfolgt werden kann. Und sie braucht Führung, weil Technologie allein keine Organisation verändert.
Die Online Group ist auf diesem Weg noch nicht am Ziel. Aber die bisherigen Erfahrungen zeigen: Der Schritt lohnt sich. Für Kunden. Für Mitarbeitende. Und für das Unternehmen als Ganzes.

Fazit: AI-first ist kein Projekt. Es ist ein Führungsentscheid.
Die Transformation zur AI-first-Organisation beginnt nicht mit einem Tool. Sie beginnt mit einer strategischen Haltung: Wo entsteht in Zukunft Wert – und wie richten wir unser Unternehmen konsequent darauf aus?
Genau diese Perspektive brachte Balz Zürrer in München auf die Bühne. Aus der Praxis, mit echten Learnings, messbaren Resultaten und einer klaren Einladung: KI nicht nur beobachten, sondern gestalten.

